Von:
Katharina Bach-Fischer

e-religionen.de

Der letzte halbe Kilometer bergauf wird noch einmal zur Herausforderung. Schon so viel Weg liegt hinter mir. Fünf Stunden, fast 700 Höhenmeter. Es zieht und kribbelt in den Oberschenkeln. Jetzt bloß nicht schlapp machen. Ein Schritt nach dem anderen. Die Alm ist in Sicht. Gleich ist‘s geschafft. Ich kann die kalte Radlermaß schon regelrecht spüren, den kühlenden Wind, die Aussicht…

Immer wieder wird der Lebensweg der Menschen mit einem Bergaufstieg verglichen, einem Aufstieg ohne Abstieg, einen Aufstieg mit unklarem Ziel, einen Aufstieg, bei dem die Religionen dieser Erde die traditionsreichen und großen Pfade den Berg hinauf bieten. Der Berggipfel ist die Glückseligkeit, die Erlösung oder der Frieden. Jede Religion kennt ihren Weg dorthin.

Berge – jenseits von Seilbahn und Touristenkitsch – sind Orte archaischer Erfahrung, ein falscher Schritt und man stürzt in die Tiefe. Die Steigung verlangt besondere Anstrengung, und oft sind lebenswichtige Ressourcen wie Wasser nur begrenzt zugänglich. Berge sind Orte der Grenz- und Selbsterfahrung. Und so wundert es nicht, dass sich fast alle Religionen um einen oder mehrere besondere Berge drehen.

Jesu wohl berühmteste Predigt ist die Bergpredigt. Mose erhielt die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai, Salomo erbaute den Tempel auf dem Zion. Der Tempelberg selbst ist wiederum den Muslimen heilig, weil dort, wo heute der Felsendom in den Himmel Jerusalems ragt, der Prophet Mohammed in den Himmel entrückt wurde. Wie der Tempelberg in Jerusalem gleich mehreren Religionen heilig ist, so ist der Berg Kailash in Tibet nicht nur für Buddhisten, sondern gleich für mehrere asiatische Religionen Zentrum des Universums. Der hinduistische Gott Shiva regiert von hier aus die Welt, und zwei Propheten des Jainismus fanden hier Erleuchtung. Fujiyama (Japan), Uluru oder Ayers Rock (Australien), Kilimanjaro (Tansania) oder Mateo Tepee (USA).

Die Liste heiliger Berge ist lang, fast genauso lang wie die Liste an Religionen und Weltanschauungen. Ist es egal, welcher dieser Berge mein Heiliger Berg ist? Was erwartet mich auf dem Gipfel? Das Paradies, ewige Wiedergeburt oder das Nirwana? Spielt es eine Rolle, welchen Pfad ich wähle um den Berggipfel zu erreichen?

Jeder kann nur einen Weg gehen. Welche Wanderroute ich für mein Leben wähle, hängt davon ab, wie fit ich bin, welche Ausrüstung mir zur Verfügung steht, ob ich in der Gruppe wandere oder allein und welche Erfahrung ich mitbringe. Möglicherweise wähle gar nicht ich den Weg, sondern der Weg wählt mich. Vielleicht gehe ich meinen Weg, weil es auch schon der Weg meiner Eltern war und ich ihn kenne oder weil ich ihn gerade nicht kenne und mich die Neugier treibt.

Jeder kann nur einen Weg gehen. Und erst am Ende wird sich zeigen, ob er sich gelohnt hat, ob er ans Ziel geführt hat oder in eine Sackgasse. Vielleicht ist der Wanderer nur bis zu einer der unteren Almen gekommen. Vielleicht ist der Gipfel nicht das, was man sich versprochen hat. Aber eines steht fest: Jeder kann nur einen Weg gehen – seinen Weg.